Auftrag ohne Auftraggeber

Staatliche Selbstermächtigung schränkt Elternrecht ein –

Dem „staatlichen Bildungs- und Erziehungauftrag“ als Hauptargument zur Begründung des Schulzwangs fehlt vor allem eines: Derjenige, der ihn erteilt hat. Ohne Auftraggeber entpuppt er sich als folgenschwere Anmaßung.

Im Vorspann einer beliebten TV-Reihe der frühen siebziger Jahre tritt ein schneidiger Leutnant ins Arbeitszimmer der Kaiserin von Österreich, um von seiner Herrscherin angewiesen zu werden: „Leutnant Rotteck – ich habe einen Auftrag für Ihn!“ Die folgenden Unternehmungen des abenteuerlichen Kürassiers einer vergangenen Epoche stehen unter dem Vorzeichen, den Auftrag aus erlauchtem Munde getreulich zu erfüllen. Worüber Rotteck dann stets in der Schlußszene Rechenschaft  ablegt.

Wie immer man Niveau und Bedeutung der Trivial-Filmchen beurteilt, veranschaulicht ihr Konzept doch eines: Wo ein Auftrag, da braucht es einen Ausführenden, sodann eine konkret angewiesene Tätigkeit und – sehr wichtig – einen Auftraggeber. Vor dem muß der Ausführende sich letzten Endes verantworten.

Absoluter Staatsauftrag – von wem erteilt?

Ebenfalls zu Beginn der Siebziger prägte das Bundesverfassungsgericht einen Begriff, der das Rückgrat des absoluten Schulzwangs bildet: „Staatlicher Bildungs- und Erziehungsauftrag“. Über einen derartigen Auftrag zu verfügen, der nur an vom Staat kontrollierten Schulen ausgeübt werden dürfe, ist seit Jahrzehnten schlagendes Argument, alle zwischen sechs und sechzehn in ein Schulgebäude zu zwingen – und diejenigen zu bestrafen, die es vorziehen, ihre Kinder selber zu unterrichten.

Von unzähligen halbamtlichen Wiederkäuern brav unter’s Volk gebracht, klingt das so: „Staat – ich habe einen Auftrag für Ihn!“ Doch eine Lüge, hundertmal wiederholt, wird dadurch noch lange nicht Wahrheit. Auch wenn sie im ersten Moment gut klingen mag – man muß es sich einmal auf der Zunge zergehen lassen:

Der in unserem Land absolut verstandene „staatliche Bildungs- und Erziehungsauftrag“ heißt nichts weniger, als daß irgend jemand – wer denn? – den deutschen Staat – und nur ihn allein! – mit Bildung und Erziehung aller Kinder aller Eltern, die jemals hier leben, für alle Zeiten beauftragt haben sollte. Geht so etwas überhaupt?

Wo kein Auftraggeber, da kein Auftrag

Einen Auftrag auszuführen, kann ein Recht, kann eine Pflicht sein. Über ein solches vor-staatliches, natürliches Recht verfügen in unserem Land alle Eltern im Blick auf ihre Kinder. Das soll unser Grundgesetz garantieren. Mit keiner Silbe erwähnt unsere Verfassung hingegen irgendein „Recht“ des Staates, die Kinder anderer bilden und erziehen zu dürfen. Hinzukommt: Einen Auftrag kann nur erteilen, wer bereits Rechte und Pflichten besitzt, die er anderen überträgt – zu einem bestimmten Zweck.

Unser Staat weiß, daß er für sich kein „Recht“ auf Erziehung reklamieren kann. Aus genau diesem Grund hat er sich auf einen „Auftrag“ verlegt. Aber einen solchen kann er sich unmöglich selbst erteilen. Denn er ist ja gar nicht im Besitz irgendwelcher Rechte, die er auf sich selbst übertragen könnte. Wenn er trotzdem auf seinen Auftrag pocht, setzt er sich massiv ins Unrecht. Erst recht, wenn er Bildung und Erziehung außerhalb der von ihm gesteckten Grenzen mit allen Mitteln bekämpft.

Staatliche Bildungs- und Erziehungserfolge – wo sind sie?

Nun gilt aber: Wer einen Auftrag hat und sich diesen von niemandem streitig machen läßt, muß darüber Rechenschaft ablegen, ob er ihn auch ordentlich ausführt. Andernfalls muß ihm der Auftrag sofort wieder entzogen und ein Geeigneterer gesucht werden.

Welche tatsächliche Bildungs- und Erziehungsarbeit, mit welchem Ziel und welchem Erfolg leistet nun der Staat? Naturgemäß verweist man hier reflexartig auf die Millionen und Milliarden, die in Schulen – und mittlerweile auch in Kindergärten als „frühkindliche Bildung“ – gesteckt werden. Ist das denn nichts? In der Tat, das Heer der Nutznießer einer üppig ausgestatteten Bildungsindustrie ist groß, sehr groß sogar.

Viel wichtiger ist jedoch das Ergebnis derartiger Bemühungen, die unter dem Vorwand eines ominösen „Auftrags“ stattfinden. Und da sprechen die jährlich hunderttausenden Schulabbrecher, funktionalen Analphabeten, Abschlußlosen und Schwerstvermittelbaren für sich. Hinzukommen durch ungerechte und selbstherrliche Beurteilung von Schülerleistungen vergewaltigte Bildungsbiografien – von der Zerstörung des Lern- und Leistungswillens junger Menschen durch Kollektiv-Haltung gar nicht zu reden.

Selbstermächtigung und Verantwortungslosigkeit

Warum kann der Staat bei der Erfüllung des von ihm angemaßten „Auftrages“ nicht zur Rechenschaft gezogen werden? Weil er sich stets aus der Verantwortung stiehlt. Kein Lehrer, kein Schulleiter, kein Schulamtsleiter, erst recht kein Kultusminister braucht jemals zu befürchten, für Schulversagen, Schüler-Ängste, verbaute Berufschancen, für Mobbing-Leiden, aber auch nicht für Demotivation, Aggression und Frustration, Initiativ- und Perspektivlosigkeit ganzer Schülergenerationen jemals zur Rechenschaft gezogen zu werden.

Der Staat ist anonym, unpersönlich. Alle seine Bediensteten führen nur Aufträge aus und können für alles auf Vorgesetzte, auf eine höhere Instanz verweisen. Wenn es aber kein Instrumentarium gibt, um den Erfolg dieses angeblichen staatlichen „Auftrages“ zu messen, wenn unmöglich Schadensersatz wegen mangelhafter Auftragserfüllung eingeklagt werden kann: Dann sind Eltern in unserem Land auf Gedeih und Verderb der staatlichen Selbst- und Exklusivermächtigung ausgeliefert. Ein schöner Auftrag!

Der Charakter des Totalitären

Kollektive Zwangsbildung und -erziehung kann letztlich nur auf „Betreuung“ hinauslaufen. Für diese beansprucht der Staat von allen Eltern eine Blanko-Vollmacht, mit deren Kindern tun und lassen zu können, was er will. Ein Schelm, wer denkt, es käme hierbei nie zum Mißbrauch angeblicher Befugnisse.

Indem er von einem „Auftrag“ spricht, der in Wahrheit eine Betreuungs-Anmaßung ist, verschleiert der Staat, daß er mit seinem Zwangsschulsystem weitergehende Interessen verfolgt. Man kann es drehen und wenden, wie man will: Eine derartige Entrechtung und Bevormundung bei der Bildung und Erziehung junger Menschen hat den Charakter des Totalitären.

Das literarisch gewiß bedeutsamere Pendant zum trivialen k.u.k.-Leutnant von Rotteck ist der Baron von Münchhausen. Über die Ausführung konkreter Aufträge ist auch von ihm einiges bekannt – jedoch nahm er es bei seinen Rechenschaftslegungen mit der Wahrheit nie so genau. Daher ist er vor allem als „Lügenbaron“ bekannt. Mit welchem Beinamen wohl unser staatliches Schulsystem in die Geschichte eingehen wird, wenn der ganze Schwindel auffliegt?

2 Kommentar(e) für “Auftrag ohne Auftraggeber

  1. Carsten Rohloff
    13. August 2012 at 06:23

    Einen Auftrag erteilt ein in der Hierarchie Höherstehender – ansonsten ist es höchstens die Bitte um einen Gefallen. Demnach muß es über dem deutschen Staat noch jemanden geben, der ihn zu Bildung und Erziehung unserer Kinder beauftragt hat. Da unser Staat jedoch immer so tut, als ob über ihm nur der Himmel (nicht die Grundrechte seiner Bürger!) ist, soll die Rede von einem „Auftrag“ offenbar die Tatsache verdunkeln, daß er sich selbst beauftragt hat. Bei Kleinkriminellen ist bloße „Verdunkelungsgefahr“ ein Grund für die Justiz, tätig zu werden – aber bei „Großen“ …?

  2. Ernst Schrödl
    11. August 2012 at 21:26

    Die „Bill of Rights“ (1688) in Großbritannien, der Unabhängigkeitskrieg in Amerika (1775 – 1783), die Aufklärung in Deutschland (im 18. und 19. Jahrhundert) und vor allem die Französische Revolution (1789-99) verhalfen mit der Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte einem neuen Denken zum Durchbruch. Fortan sollte nicht mehr der Mensch (Bürger) für den Thron bzw. Staat da sein, sondern der Staat für den Bürger. Und wie sieht es in Sachen Bildung bei uns heute aus? Der Staat bzw. die Bundesländer verhalten sich so, als ob sie von alledem nichts wüßten und tun so, als könnten sie die Bürger nach Belieben von Kindesbeinen an reglementieren und über sie ghleichsam wie über einen persönlichen Besitz verfügen. Unglaublich, aber wahr!

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