Das Hohelied vom Erziehungsstaat

Wie Verfechter des Schulzwangs argumentieren –

Wer schon immer wissen wollte, warum Hausunterricht (vulgo: Homeschooling) keine deutsche Option ist, wird heuer in der „Jungen Freiheit“ aus Berlin fündig. Das Blatt, zweitstärkste Wochenpublikation nach des Gutdeutschen Großmutti „Die Zeit“, läßt in seiner aktuellen Ausgabe Für und Wider von Bildungsfreiheit aufeinanderprallen.

Pro und Contra in JFWurden aus aktuellem Anlaß („Fall Romeike“) besorgte Anfragen laut, ob denn der bundesdeutsche Schulzwang wirklich rechtens sei, darf man wieder aufatmen: Kein geringerer als ein Gymnasiallehrer (Josef Kraus) versichert vorsorglich dem geneigten Leser, daß die „Bundesrepublik weder eine Bananenrepublik, noch ein Unrechtsstaat“ sei. Folglich gäbe es auch keinen Grund, ihr wegen Schulfragen den Rücken zu kehren. Genau das jedoch haben hunderte Familien schon getan: Um erzieherischer Bevormundung zu entkommen, flohen sie von hier ins europäische Ausland, wahlweise bis nach Neuseeland, in die Südsee, nach Kanada oder Paraguay. Nur die Spitze eines Eisberges ist jene Familie aus dem süddeutschen Bissingen am Teck, die der teutschen Republik eine lange Nase drehte: Zusätzlich zu ihrem Hausunterricht brachten sie den Schneid auf, in den USA Asyl zu beantragen und bis zur höchsten Instanz durchzufechten. Zwar erhielt man kein Recht, dafür aber unbegrenzten Aufenthaltsstatus, dämmerte doch der U.S.-Regierung, daß sie die Republikflüchtlinge nicht ohne weiteres den rechtsstaatlichen Löwen in ihrer Heimat zum Fraß vorwerfen konnte.

Fakten weisen eher auf das Gegenteil hin

Daß der für unsere Kultuskratie peinliche Fall nicht zum Menetekel des deutschen Schulzwangs wird, dafür sorgen die Kraus’ens dieses Landes: Äußerlich „konservativ“, haben sie als in der Wolle gefärbte Illiberale das Hohelied vom sozialistischen Erziehungsstaat verinnerlicht. Dessen Credo lautet: Wer seine Kinder nicht zum „mündigen Bürger“ machen lassen will (was nur der Staat vermag), hat Strafe verdient. Die argumentative Abwehr des Verbandsvorsitzenden deutscher Lehrer hat keine Antwort für die Fragen, die sie aufwirft: Warum Unterricht zuhause nicht ernstzunehmen sei („Spielfeld fundamentalistischer und sektiererischer Eltern“), so nur in den USA vorkomme („daß in den USA manches anders ist, weiß man.“) und überhaupt schlechterdings gar nicht funktionieren könne („kein Elternpaar kann seinen Kindern an fachlicher Kompetenz mitgeben, was Schule mitgeben kann“). Die zugänglichen Fakten jedenfalls weisen eher auf das Gegenteil hin. Angesichts der vermeintlichen Güte deutschen Schulbesuchs („die ganze Bandbreite schulischen sozialen Lernens und schulischer Kultur“) läuft „Homeschooling“ für Kraus zwangsläufig auf „Abschottung“ und ein „selbstgewähltes Reservat“ hinaus. An Romeikes amerikanischen Anwälten kritisiert der Staatslobbyist, diese hätten unverschämterweise schon vor Jahren gemeint, „in Deutschland werde ‚ideologische Konformität’ erzwungen“. Ironischerweise bestätigen die eigenen Behauptungen seine ‚beängstigende’ Unduldsamkeit gegenüber allen, deren Sichtweise er nicht teilt.

Der Erziehungsstaat und das Muslim-Szenario

Von keinerlei Sachkenntnis getrübt, bedient Kraus in der Verurteilung von Hausunterricht gängige Klischees („Christlich-fundamentalistische Argumente für ein Homeschooling“), die umso antiquierter wirken, je weiter in unserem Land die Auseinandersetzung mit dem deutschen „Bildungsabsolutismus“ (Bettina Röhl) gedeiht. Um jede Selbstkritik oder ein Umdenken zu einem offeneren Bildungssystem im Keim zu ersticken, beschwört er abschließend das Szenario „privat organisierter Koranschulen als Ersatzbeschulung“. Obwohl sachlich und rechtlich das eine mit dem anderen wenig zu tun hat, erweist der Gymnasiallehrer mit Ambitionen zum Kultusminister sich als gelehriger Schüler unserer Funktionseliten: Kraus droht mit den Muslimen („Populationen mit viel Migrationshintergrund“), sollte der Schulmichel auf mehr Freiheit bestehen. Erfreulicherweise bleiben diese Ausführungen in der „Jungen Freiheit“ nicht unbeantwortet. Als Verfechter von Hausunterricht kommt ein versierter Anwalt für Schul- und Strafrecht (Andreas Vogt) zu Wort. Mit einem guten Dutzend konkreter Fälle von „Schulverweigerern“ verfügt Vogt über jahrelange Erfahrungen, wie Ämter und Gerichte auf Abweichler vom totalen Schulstaat reagieren. Seine mit Zitaten und historischen Daten belegten Erkenntnisse („die Repression des Homeschoolings steht verfassungsmäßig auf tönernen Füßen“) lassen hoffen, daß mehr als nur der eine oder andere Leser ins Grübeln über die staatliche Verfolgung dieser Bildungsalternative bei uns gerät.

2 Kommentar(e) für “Das Hohelied vom Erziehungsstaat

  1. Scholz
    18. März 2014 at 01:01

    Es ist schon arg suspekt, daß ausgerechnet die BRD sich dem Homeschooling so drastisch verweigert und diesen durchaus interessanten Bildungsweg dämonisiert und kriminalisiert, andererseits aber dieses momentane Bildungssystem es immer öfter zuläßt, daß schulpflichtige Kinder mit nicht nachvollziehbaren Begründungen ganz einfach ausgeschult werden!

    Davon abgesehen ist die BRD meines Erachtens so ziemlich das einzige europäische Territorium, wo es schier unmöglich scheint, die leiblichen Kinder in Eigenregie beschulen zu lassen! Die bundesdeutschen Eliten – oder wer auch immer diese darstellen bzw. wer oder was sich so vehement gegen Homeschooling verschließt – müssen über gute Gründe verfügen, daß so und nicht anders verfahren wird!

    Man muß das ständig immer wiederholen, weil nur dieser Vergleich die hier Verantwortlichen vermutlich zum Nachdenken bewegt: Das DDR-Bildungssystem war schon arg repressiv, doch was Verantwortliche in diesem angeblichen Rechtsstaat [BRD] hinsichtlich Bildungssystem an Narrenfreiheit genießen, von solchen Zuständen hätte man in der ehemaligen DDR geträumt!

  2. Ernst Schrödl
    14. März 2014 at 21:12

    Herr Kraus sieht die USA auch in schulischer Hinsicht als ein Land unbegrenzter Möglichkeiten. Er wird doch nicht im Gegensatz dazu, so frage ich mich, Deutschland als ein Land sehr begrenzter Möglichkeiten – anders ausgedrückt: sehr beschränkter Köpfe – im Schulsektor sehen? Oder war am Ende gerade das die Intention seines Artikels? Wenn er diesen Unterschied klar zum Ausdruck bringen wollte, so ist ihm das überzeugend gelungen.

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