Der Mann hat recht

Blüm setzt sich für Bildungsfreiheit ein –

Hierbei stößt er auf geteiltes Echo. Und doch hat das, was der Altminister am herrischen Schulzwang bemängelt und an der Alternative „Hausunterricht“ lobt, Hand und Fuß. Zähneknirschend muß das auch der SPIEGEL zugeben.

Von wegen altes Eisen: Seit 1972  Abgeordneter des Bundestages, ist der gelernte Werkzeugmacher und Bundesminister a.D. Blüm gerngesehener Gast bei TV-Talkrunden. Manches witzige Bonmot ging zwar trefflich daneben, etwa seine Ankündigung „die Renten sind sicher“. Doch das spricht eher gegen den politischen Betrieb als gegen den Menschen.

Der bodenständige ‚elder statesman‘ des Innern, der dem linken Flügel der vor-Merkel CDU zugerechnet wurde, blickt auf gelebtes Leben – im Gegensatz zu Politik und Verwaltung. Er publiziert zeitnah, läßt sich nicht auf Einzelaussagen reduzieren, seine Äußerungen kommen auch im mainstream an. Keinesfalls ist Blüm jemand, dessen Analysen zur unfreundlichen Erziehungsübernahme durch den Staat im publizistischen Nirvana verhallen.

Jüngstes Beispiel ist ein aktueller Artikel in SPIEGEL.online. Das Grußwort des verhinderten Teilnehmers am „Internationalen Freilernerkongreß“ in Berlin (GHEC 2012) scheint dem Leitmedium der „bunten Republik“ quer im Hals zu stecken – doch ignorieren kann es die Rede vom „heilsamen Stachel gegen das Schulregiment“ nicht. Daher unterstellt man flugs, Blüm stärke einer anrüchigen „Bewegung“ den Rücken.

„Umstritten“ ist alles, was nicht gefällt

Von „umstrittener Homeschooling-Bewegung“ schreibt man, schreckt auch vor pauschalen Falschaussagen nicht zurück, etwa, daß Homeschooling „hierzulande verboten“ sei. Der SPIEGEL-Redakteur klammert sich an die „Gesetzeslage“ und bemüht „die Verfassungen der Bundesländer“. Demnach stellt „allgemeine Schulpflicht“ so etwas wie eine eherne Säule deutschen Wesens dar.

Jeglicher Diffenzierung abhold, unterscheidet der Autor – ganz in der Manier von Ämtern und Gerichten hierzulande – nicht zwischen Homeschooling und Schuleschwänzen. Die Verurteilung einer zuhause unterrichtenden Familie vermengt er mit dem Fall einer Mutter, die ihren Sohn bildungsmäßig völlig verwahrlosen ließ – und dafür ins Gefängnis mußte. So einfach ist das: „Wer seine Kinder zu Hause läßt, macht sich strafbar“.

Zwar kommen Blüm und der FDP-Politiker Patrick Meinhardt, der ebenfalls an der GHEC 2012 teilnimmt, ausführlich zu Wort. Doch in seinem Tenor steht der SPIEGEL-Artikel für Intoleranz und Vorverurteilung, die allen entgegenschlägt, deren Sichtweise sich von der „Allgemeinheit“ in unserem Land unterscheidet. Er verneint, daß wir in einer „pluralistischen Gesellschaft“ leben, in der neue Ansätze und eine Lebenspraxis abseits ausgetretener Pfade selbstverständlich und hilfreich sein sollten.

Einmal mehr wird die Behauptung, „Schule“ erziehe zu „sozialem Verhalten“, zu „Toleranz und Rücksichtnahme auf abweichende Meinungen“, Lügen gestraft. Irgendetwas läuft bei der schulischen Erziehung schief, bei der Bildung ohnehin. Es ist Zeit für eine Reform. Blüm hat recht!

1 comment for “Der Mann hat recht

  1. Ernst Schrödl
    1. November 2012 at 23:19

    Die Medien prägen die Meinung ihrer Konsumenten. Das ist eine bekannte Tatsache. Ein Beispiel dafür ist der von einer auflagenstarken Zeitung gebrauchte Slogan: „Bild dir deine Meinung.“ Letztlich läuft das aber darauf hinaus, daß der Leser die Meinung des jeweiligen Blattes übernimmt. Und so soll der Leser auch – wie im obigen Artikel ausgeführt – manipuliert werden und übernehmen, was „umstritten“ ist und was nicht. Geschickt täuschen Journalisten eine objektive Stellungnahme vor; in Wirklichkeit handelt es sich aber um gezielte Meinungsmache. Dahinter steckt: „Wir, die Zeitungen, bestimmen, was wirklich ist – und sonst niemand.“ Würde also die Schule zu Toleranz und Rücksichtnahme auf abweichende Meinungen erziehen, dann müßten diese Journalisten ja ständig die Schule geschwänzt haben.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

+ 84 = 87