Eigene Agenda

Ein Bärendienst für Bildungsfreiheit?

Sympathieträger kann Bildungsfreiheit gut brauchen. Doch bloße Medienbekanntheit reicht nicht aus, um freiheitsfeindliche Verkrustungen in der deutschen Psyche aufzubrechen.

Da macht ein junger Mensch – gerade noch rechtzeitig – seinen Realschulabschluß an einer norddeutschen Schule. Der sprichwörtliche Sack Reis, der in China umfällt? Doch nein, ein wirtschaftlich arbeitender Fernsehsender widmet dem Ereignis und der Person eine Programmstunde am Abend. Also muß etwas dran sein an dem erfolgreich Heranwachsenden.

Moritz N. ist „Freilerner“, einer, der mit wenig Schule großgeworden ist. “Bekannt aus Funk und Fernsehen” – so heißt es penetrant häufig. Ob sein Auftritt in einer Gesprächsrunde von Stern-TV dem Thema Bildungsfreiheit in unserem Land auf die Sprünge helfen wird?

Erfolgreiche Hausschüler gibt es schon lange

Endlich, denkt manch ein vom Behördendruck verhuschter Homeschooler, widerlegt jetzt jemand Vorurteile, die Hausunterricht hierzulande entgegenschlagen. Denn Moritz ging nach viel Abstinenz wieder zur Schule, erhielt dort gar ein Abschlußzeugnis – Mittlere Reife. Nun wird er, so hofft man, triumphierend das Zertifikat in die Kameras halten: “Seht mal, klappt doch! Lernen ohne Schule ist gar nicht so schlecht.”

Dumm nur, daß Moritz N. etwas spät dran ist. An Anschauungsbeispielen dafür, daß zuhause Unterrichtete sich wohltuend von dem abheben, was konventionelle Schule hervorbringt, mangelt es nicht. Allein, der politische Wind weht nicht so, daß Bildungsverantwortliche das heiße Eisen anfassen mögen.

Nun will der Knabe nicht nur klarstellen, daß “auch ohne Schulbesuch gute Abschlüsse möglich sind.” In einer von ihm selbst herausgegebenen Presseinformation läßt er verlauten, er wolle auch die “problematische Integration” von Hausschülern entkräften. Mithin seien dies “immer wieder die beiden Hauptargumente gegen Bildungsfreiheit”.

Schulerfolg tut vor Gericht wenig zur Sache

Als vor einem Monat wegen “Schulverweigerung” angeklagte Eltern die bildungs- und berufsmäßigen Erfolgsgeschichten von fünfen ihrer Kinder im Gerichtssaal vortrugen, ging nicht einmal ein Raunen durch die Reihen der zahlreich vertretenen Journalisten. Die Medienvertreter hatten es gar nicht anders erwartet: Kindern, die eine schulferne Bildungskarriere durchlaufen, gelingen in der Regel glänzende Schulabschlüsse. Auch finden sie meist problemlos einen Ausbildungs- oder Arbeitsplatz.

Doch die Richterin, auf die es hier ankam, ließ sich vom offensichtlichen Erfolg auch dieses Hausunterrichts nicht beeindrucken. Stattdessen legte sie den Eltern die Tatsache, daß ihre Kinder kein Abitur (!) vorweisen können, strafverschärfend aus. Kein Wort vom “durchlässigen” Bildungssystem, wo ein “zweiter Bildungsweg” noch aus dem hoffnungslosesten Schulabbrecher einen Universitätskandidaten machen kann – Ehrgeiz und Fleiß vorausgesetzt.

Mittlere Reife? So etwas galt der Richterin – klar wahrheitswidrig – als das Ende der Fahnenstange. Ihr von Tatsachen ungetrübtes Urteil lief darauf hinaus: Hausunterricht schmälert Bildungschancen. Wie immer wagte sich kaum ein anwesender Journalist aus der ideologischen Deckung. Anstatt angemessen über die Erfolge von Hausunterricht zu berichten, kehrte man diese rasch wieder unter den Teppich und käute die Gerichtsthese nach.

Auch Medien haben eine Agenda

Den polemischen Vorwurf von interessierter Seite, Hausunterricht lasse höchstens “Mittlere Reife” zu, kann demnach auch ein Verweis auf den Realschulabschluß des Moritz N. nicht aus der Welt schaffen. Warum aber wird dann sein Fall als mediales Ereignis vermarktet – als ob ein an der Schule reüssierender Homeschooler noch nie dagewesen sei? Angesichts der bisherigen Mediengeschichte der Familie N. liegt der Verdacht einer Selbstinszenierung nahe.

Also alles nur Klamauk? Hand in Hand mit dem exotischen Schmankerl zu später Stunde mag der Versuch einschlägiger Presserzeugnisse gehen, den Keil zwischen agnostischen Freilernern und christlich motivierten Hausunterrichtern zu verstetigen. Ganz nach dem Motto: “Gute”, weil säkular gesinnte Unschooler hier – “böse”, weil gläubige Homeschool-”Fundamentalisten” da. Moritz N., der ganz auf eigene Rechnung handelt, steht in der Gefahr, Bildungsfreiheit in unserem Land einen Bärendienst zu erweisen.

3 Kommentar(e) für “Eigene Agenda

  1. Charakterbilder
    26. Juni 2013 at 08:13

    Wahrlich richtig und korrekt geschrieben, es gibt sie, und dies nicht nur in Deutschland. Sie leben in der Schweiz, Österreich und anderen europäischen Ländern: Erwachsene Menschen, welche zu Hause von ihren Eltern unterrichtet worden sind und heute im Erwerbsleben stehen. Egal, welchen Bildungsabschluß sie haben: Sie sind Menschen mit Charakterstärke!
    Sicherlich – nicht alle Hausschüler sind „erfolgreich“ in dem Sinne, daß sie alle gleich das Abitur machen, doch habe ich persönlich noch NIE von ehemaligen Hausschülern gehört oder gelesen, die vom Staat unterstützt werden.
    Moritz N. kann ich nur empfehlen, sich zurückzuhalten, bis er mit seinem weiteren Lebensweg zeigt, daß ihm seine Eltern, neben einer „Freilernerausbildung“, wahre Charakterbildung vermittelt haben. Ansonsten erweist er auch mit diesem alleinigen Auftritt ohne Eltern dem Anliegen der Bildungsfreiheit keine Hilfe.

  2. Homeschool Dad
    25. Juni 2013 at 19:35

    Ich frage mich auch oft, welche Motivation hinter einem Medienbericht steckt, der ansonsten verpönte Themen positiv betrachtet. Auf der einen Seite wird hohes Bildungsniveau von Hausschülern schon fast als gang and gäbe betrachtet, auf der anderen Seite wird hier ein nicht unüblicher Erfolg hochgespielt. … Was mich beunruhigt, ist der Keil auf den der letzte Absatz hinweist: Homeschooling ist okay – solange es nicht von christlichen Idealen motiviert ist. Angesichts der wachsenden Marginalisierung von Christen in den USA würde es mich nicht wundern, wenn diese Einstellung auch im Land der Homeschooler Anhänger findet.

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