Gefahrenzone Schulgebäude

Mobbingopfer werden kranke Erwachsene –

Bedurfte es nach Sandy Hook, dem Ort des brutalen Schulmassakers Ende 2012, noch eines Hinweises, daß Aufenthalt in einem Schulgebäude hochgefährlich ist, wurde der Mitte Mai 2013 aus Kanada geliefert: Dort stellten Klinikärzte fest, daß gemobbte Kinder in der Gefahr stehen, als Erwachsene psychisch zu erkranken.

Mobbing im Kindesalter kann später Depressionen auslösen. Denn Gene, die helfen, schwere Situationen zu verarbeiten, funktionieren dann möglicherweise nicht mehr richtig. Dies förderte eine Studie kanadischer Mediziner zutage. Allerdings manifestiert die seelische Langzeitgefährdung sich erst, wenn die Schulzeit schikanierter Kinder längst vorbei ist.

Bestimmte Gene haben die Aufgabe, psychische Belastungen zu „entschärfen“. Sie verhindern, daß der Gestreßte bei der kleinsten Unpäßlichkeit durchdreht. Allerdings kann ein negatives soziales Umfeld diese Gene beschädigen. Funktionieren sie nicht mehr richtig, führt schon geringer Streß zu tiefer Depression. So wird systematisches Anpöbeln und Fertigmachen an der Schule zur lebenslangen Hypothek.

Diese Erkenntnisse decken sich mit Befunden, die am Max-Planck-Institut (MPI) für Psychiatrie in München vorliegen: Ein kindliches Streßtrauma gewaltsamer Ausgrenzung und Demütigung hinterläßt bei manchen Opfern Spuren im Erbgut, so Torsten Klengel vom MPI. Wo Gene und Umwelt in derart fataler Weise zusammenwirken, stellen Streßhormone ihre regulierende Tätigkeit ein: „Die mutmaßliche Konsequenz ist eine anhaltende Fehlsteuerung der Streß-Hormonachse bei Betroffenen“, so der Wissenschaftler, „die in einer psychiatrischen Erkrankung enden kann.“

Gefährliches Phänomen sozialer Gewalt

Daß es Kindern und Jugendlichen nicht guttut, sie systematisch zu traktieren, hat sich inzwischen herumgesprochen. Längst haben Mainstream-Medien Gewalt an Schulen als Dauerthema entdeckt. Mit Maßnahmekatalogen und Präventionsprogrammen versuchen Politiker und Bildungsbeamte zuzukleistern, daß abartige Verletzungen im schulischen Betrieb an der Tagesordnung sind. Ursachenforschung und Schuldzuweisungen verbeißen sich in „Probleme im Elternhaus“ und „Ballerspiele“. Auf keinen Fall darf Schule als Risikozone für Heranwachsende thematisiert werden.

Und doch: Mobbing, dieses gefährliche Phänomen sozialer Gewalt, wurzelt im Minikosmos Schule selbst. Nirgendwo sonst kommen junge Menschen derart ungeschützt unter der zwanghaften Vorgabe zusammen, sich behaupten zu müssen. Ohne ein wertestarkes, von verantwortungsvollen Pädagogen gehandhabtes Korrektiv geht das schief: „Was Mobbing betrifft“, so Wolgang Melzer, von der TU Dresden, „liegen wir im internationalen Ranking an der Spitze.“ Vor Jahren schon gelangte der Professor für Schulpädagogik zu dem Ergebnis, daß jeder fünfte Schüler unter psychosomatischen Störungen leide.

Kein einzelner Ort kindlichen und jugendlichen Aufwachsens ist ein besserer Nährboden für psychische und körperliche Beschwerden aller Art. Auf der Grundlage tagtäglichen Schulbesuchs können krankmachende soziale Isolation, gewaltsame Übergriffe und seelische Verletzungen gedeihen. Unausweichlich, unentrinnbar erlebt der Schwächere oder Andersartige die systematische Schikane – Schule als Ort struktureller Gewalt.

Unkalkulierbare Risiken im Schulgebäude

Angst essen Seele auf, bringt ein alter Filmtitel die lebenszerstörende Wirkung ständigen Sichfürchtens auf den Punkt. Mit Mobbingangst sind regelmäßig unzählige Schüler konfrontiert. Fast jeder dritte von ihnen, so eine Studie des Robert-Koch-Instituts in Berlin, leidet unter gewaltsamer, verletzender Ausgrenzung – durch Mitschüler, aber auch durch Lehrer. „Schule“, sagt die Münchner Psychologin Mechthild Schäfer, „ist ein angstbesetztes System. Schüler haben Angst vor Lehrern und Mitschülern.“ Schäfer lehrt Entwicklungspsychologie und erforscht Aggression und Mobbing im Schulalltag.

Eine Studie der DAK verkündete 2009, Schläge und Schikane gehörten zum Schulalltag. 55 Prozent der Schüler werden selbst Opfer oder Täter von Mobbing, die Betroffenen sind öfter krank als von Mobbing Verschonte. Fest steht: Die Risiken, denen der junge Mensch durch den Besuch einer staatlich geprüften Lehranstalt ausgesetzt ist, sind schlicht unkalkulierbar. Weder ist des Schülers physisches, noch sein seelisches oder sittliches, nicht sein akademisches Wohlergehen durch den Schulbetrieb gewährleistet.

Neben den Kindern selbst sind es vor allem deren Eltern und die ganze Familie, die die katastrophalen Zustände ausbaden müssen. Den regelmäßigen Schulgang als solchen infrage zu stellen, gelingt den wenigsten. Das liegt einzig daran, daß eine Konsequenz nur ziehen kann, wer die Freiheit hat, zwischen Alternativen zu wählen. Und dieser Freiheit wollen in Deutschland Behörden und Gerichte – auf politisches Geheiß – den Garaus machen.

Also versuchen die Betroffenen, die Wahrheit der schleichenden Zerstörung zu verdrängen – und die leidige Schulerfahrung so rasch wie möglich hinter sich zu lassen. Allerdings wird sie uns, darauf weisen die kanadischen Ärzte jetzt deutlich hin, in der Form psychisch kranker Erwachsener weiter beschäftigen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

53 − = 44