Gefängnis für Hausunterricht?

Gerichtsverhandlung nur eine Formsache –

Einer seit knapp zwanzig Jahren zu Hause unterrichtenden nordhessischen Familie soll nach dem Willen von Schulbehörde, Staatsanwalt und Gericht endgültig der Garaus gemacht werden.
Gefängnis für Hausunterricht

Geht es nach Schulamt, Staatsanwalt und Gericht, soll ein zu Hause unterrichtendes Elternpaar acht Monate ins Gefängnis – um seine „Einstellung zu ändern“.

Die zu diesem Zweck ohne Gerichtsverhandlung per Strafbefehl verhängte Haftstrafe von je vier Monaten für beide Elternteile wird jetzt vor einem Amtsgericht verhandelt. Dem 51-jährigen Familienvater Thomas Schaum und seiner 47-jährigen Ehefrau Marit hatten Schulamt und Staatsanwalt eine „dauernd und hartnäckig wiederholte Schulpflichtentziehung“ zur Last gelegt. Das Amtsgericht in Fritzlar folgte den Anträgen auf mehrmonatige Freiheitsstrafen gegen die Eltern von neun Kindern, wogegen die Angeklagten jedoch Einspruch einlegten.

Am 22. Mai 2013 findet daher eine Hauptverhandlung über die vom Gericht bereits beschlossene Strafe statt. Der vom regionalen Schulamt gestellte Strafantrag und -befehl führt minutiös das wahlweise als „Schulpflichtverweigerung“ oder aber „-verletzung“ bezeichnete Vergehen auf, das sich aus Ordnungswidrigkeiten und Straftaten über einen längeren Zeitraum zu jedem Kind zusammensetzt. Das Verhalten der Eltern, ihre Kinder nicht auf eine reguläre Schule zu schicken, könne nur durch mehrmonatige Haftstrafe beendet werden, anders würde sich an ihrer „Einstellung nichts ändern“. Demnach spiele auch der Beweggrund der Eltern, ihre Kinder zu Hause zu unterrichten, keine Rolle. Denn die Kinder hätten nach dem Gesetz in jedem Fall ein Schulgebäude zu „besuchen“. Zudem würden die Eltern „Grundrechte Dritter“ sowie „grundlegende Gemeinschaftsanforderungen“ verletzen.

Erziehung „nicht zweifelhaften Personen überlassen“

Thomas und Marit Schaum sind überzeugte Christen, die ihre biblisch begründeten Überzeugungen konsequent leben. Die eigenen Kinder auf eine öffentliche Schule zu schicken, sehen sie als Zuwiderhandlung gegen den ihnen von Gott erteilten Erziehungsauftrag. Unter keinen Umständen wollen sie die Erziehung – und dadurch notwendigerweise auch Bildung – der Kinder Personen und Institutionen überlassen, die ihnen zweifelhaft vorkommen und Ziele verfolgen, die der elterlichen Erziehung entgegenstehen.

Die ältesten drei Kinder der Familie erwarben in der Vergangenheit über eine reguläre „Nichtschülerprüfung“ den Hauptschulabschluß, ein Sohn ist Kraftfahrzeugmeister geworden, eine Tochter Verwaltungsfachangestellte, zwei weitere Kinder befinden sich noch in der Berufsausbildung. Da das zuständige Schulamt weiteren Kindern die Teilnahme an Nichtschülerprüfungen verweigerte, meldeten Schaums mittlerweile schon zwei ihrer Töchter zum letzten Schuljahr der Realschule an. Beide bestanden die Abschlußprüfungen dort mit sehr guten Zeugnissen.

Tatsachen spielen für Behörden und Gericht keine Rolle

Diese Umstände sind den Prozeßbetreibern wohl bekannt. Dennoch verhängte das Gericht vom Schreibtisch aus eine Strafe von insgesamt acht Monaten Haft gegen das Ehepaar, ausgesetzt auf zwei Jahre zur Bewährung. Insofern handelt es sich bei der nur durch den Einspruch der Eltern zustandegekommenen Verhandlung um eine Formsache. Allerdings wurden Marit und Thomas Schaum inzwischen je ein Pflichtverteidiger zuerkannt. Diese haben bereits im Jahr 2008 die Verteidigung des Hausunterricht-Ehepaars Rosemarie und Jürgen Dudek anläßlich einer Gefängnisverurteilung übernommen – und die Strafe in eine Geldzahlung abändern können. Ob das auch diesmal gelingen wird, ist völlig offen.

das Ergebnis der Verhandlung lesen Sie hier …

2 Kommentar(e) für “Gefängnis für Hausunterricht?

  1. Christoph Rebner
    21. Mai 2013 at 16:49

    Nazi-Scherge beeinflußt bis heute die Gestaltung der Sexualerziehung (s. Judith Reisman im Zusammenhang mit A. C. Kinsey und Fritz von Balluseck), Widerstand mit der Weigerung im Dritten Reich, die Wehrpflicht zu erfüllen, vergleichbar.

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