Hurra-Artikel hält nicht, was er verspricht

Ein anschauliches Beispiel dafür, wie dreist unsere Medien die Öffentlichkeit an der Nase herumzuführen wissen, bot jetzt der Tagesspiegel aus Berlin. Das Blatt nutzte die Berichterstattung über eine juristische Niederlage von Hausunterrichtern vor der EU-Kommission in Brüssel, um den Schulzwang in unserem Land als quasi von höchster Stelle abgesegnet darzustellen. English version

Am 11. Juli 2012 titelt der Tagesspiegel: „EU bestätigt: in Deutschland herrscht Schulpflicht“. Die völlig irreführende Schlagzeile suggeriert, in Brüssel habe man über die Rechtmäßigkeit der deutschen Schulpflicht zu Gericht gesessen. Als manipulierende Fortsetzung hiervon behauptet das Blatt, jene Familie habe „die deutsche Schulbesuchspflicht zu kippen“ versucht und sei nun „endgültig gescheitert“. Ihre „Erfolgsmeldung“ höchst zweifelhaften Charakters vervollständigt die Zeitung damit, die vergeblichen juristischen Versuche der Betroffenen, Heimunterricht für sich zu erstreiten, ausführlich zu schildern. Dadurch, daß es sich bei der Familie um „Symbolfiguren der deutschen „Homeschooling“-Bewegung“ handele, entsteht der Eindruck, daß mit dieser Niederlage Streitigkeiten über Hausunterricht ad acta gelegt werden könnten.

Gelenkte Meinungsbildung im Kampf gegen Schulzwang

Tatsächlich hatte die Kommission in dem Rechtsfall jedoch nur darüber zu entscheiden, ob die Bundesrepublik Deutschland den EU-Vertrag dadurch verletzt, daß in Deutschland Schulpflicht herrscht. Somit ging es in allererster Linie um die Auslegung supranationaler Verträge. Auf die Frage, ob Unionsbürger durch den Schulzwang in ihrer Freizügigkeit im gesamten Unionsgebiet vertragswidrig beeinträchtigt seien, antwortete Brüssel mit „nein“. Weder das Grundgesetz, noch Grund- und Menschenrechte spielten hier irgendeine Rolle!

Wohl vermag das Ergebnis der rechtlichen Auseinandersetzung jene zu bestätigen, die den Schulzwang befürworten. Hierüber einen derartigen Hurra-Artikel zu veröffentlichen, ist ein journalistisches Armutszeugnis – und spiegelt gleichzeitig unsere bundesrepublikanische Realität wider. Es zeigt, wie weit große Teile der veröffentlichten Meinung von einer objektiven, sauber journalistischen Betrachtungsweise zur Bildungsfreiheit entfernt sind. Man braucht eine Unwahrheit nur oft genug zu wiederholen, damit ein jeder es glaubt. Doch die Mühlen der Veränderung mahlen langsam, beständig. Ein wenig vom Pfeifen im Walde, aber auch von den unnachahmlichen Selbstbestätigungen der untergehenden DDR liegt in der Luft, wenn die Medien zu derartigen Mitteln greifen.

2 Kommentar(e) für “Hurra-Artikel hält nicht, was er verspricht

  1. Carsten Rohloff
    13. Juli 2012 at 07:45

    Wenn man zu dem Verfasser des „Hurra-Artikels“ recherchiert, stellt man fest, daß eine Schreibe, die mit Bildungsfreiheit nichts am Hut, kaum verwunderlich ist. Der freie Journalist Eckhard Stengel ist einem stramm links-alternativen Milieu zuzuordnen, stellt sich publizistisch u.a. für die GEW (Lehrer-Gewerkschaft) zur Verfügung und sitzt als Mitglied der Journalistengewerkschaft ver.di im Deutschen Presserat – einem zeitgeistigen Wächter-Gremium aus hartgesottenen Verfechtern unser aller politischen Korrektheit. Für derartige Zeitgenossen ist „Lernen in Freiheit“ ein dunkelrotes Tuch.

  2. Ernst Schrödl
    12. Juli 2012 at 20:59

    Ein Beispiel mehr, wie Medien die öffentliche Meinung zu manipulieren versuchen; aber auch ein Beispiel mehr, wie wenig kritisch viele Journalisten ihre eigene Einstellung hinterfragen. Ohne fundierte Kenntnisse einfach drauflosplappern, war auch in diesem Fall die Devise.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

70 + = 72