Integration ohne Sinn und Verstand

Gewährleistet Schule wirklich den sozialen Frieden?

Beim Ringen um Rechtfertigung, Hausunterricht zu bestrafen, werden bedrohlich wirkende gesellschaftliche Folgen ins Feld geführt. Bei Licht betrachtet, entpuppen die Geschütze sich als reines Ablenkungsmanöver.

Schule als friedlicher Schmelztiegel der Nation ist ein Traum, der die gelebte Wirklichkeit ausblendet.

Amtsleiterin Anita H. war die Fragerei sichtlich unangenehm. Doch der Redakteur des SPIEGEL ließ nicht locker. Was sie denn konkret gegen Homeschooling einzuwenden habe? Schließlich ihr Befreiungsschlag: „Was machen dann die Muslime?“ Hausunterricht zu erlauben, brächte „unkontrollierbaren Wildwuchs“ mit sich, gab die Schulbeamtin zu Protokoll. Die Folgen seien „nicht abzuschätzen“.

Kinder daheim zur Schule gehen zu lassen, kommt uns Deutschen fremd vor. Wer das erste Mal davon hört, reagiert oft nach dem Motto: „Was der Bauer nicht kennt, das frißt er nicht.“ Ist Bildungsfreiheit ein Einfallstor für randständige Elemente? Derartiges hat noch nie irgend jemand nachgewiesen. Sind Kinder ohne Schulzwang freischwebende soziale Sprengsätze, eine Gefahr für die durch Schule befriedete Gesellschaft? Auch diesen Befund bestätigt nichts und niemand. Dennoch tauchen genau solche Mutmaßungen in jedem Gespräch zu Hausunterricht auf. Das Argument selber, es geht glatt ein: Ohne Schulzwang könnten ethnische Wanderer, Aussteiger, Religiöse, wahlweise auch Hartz IVer ihre Kinder zuhause behalten – zu zweifelhaften Zwecken. Zumindest werden sie so nicht in die deutsche Gesellschaft integriert. Die konkreten Folgen dieses Mißstands sich auszumalen, bleibt jedem selbst überlassen.

Doch braucht es mehr als Schulzwang, um eine Gesellschaft zusammenzuhalten. Noch nie ging ein Staat daran zugrunde, daß er Bildungsfreiheit gewährte. Zur Schule gehen bedeutet keine Zustimmung zum staatlichen Entwurf. Man kann durchaus der Schulpflicht nachkommen – und den Umsturz planen. Genausogut kann man der Schule fernbleiben – und dennoch das gemeinsame Miteinander positiv befruchten. Alle Länder mit Bildungsfreiheit belegen das. In deutschen Landen war lange Zeit das Schulhaus der Ort, an dem ein – weitgehend homogenes – Volk für die Belange des Staates konditioniert wurde. Aber auch, wenn Kinder mit Hauslehrern – ohne Schulgang – aufwuchsen, fiel die Gesellschaft nicht auseinander. Der Zusammenbruch 1945 ereignete sich, nachdem die Anwesenheit im Schulgebäude bei Strafe diktiert worden war. Schulzwang verhinderte die Katastrophe nicht – ob er sie auch ermöglichte? Die Konsequenz hieraus zogen unsere Staatslenker nur halbherzig. Hinter die strafbewehrte Schulhauspflicht von 1938 wollte der westliche Teilstaat jedenfalls nicht mehr zurück – der im Osten sowieso nicht. Erst Verfassungsklagen zu Beginn dieses Jahrhunderts stellten das staatliche Schulmonopol wieder infrage, indem sie das Grundrecht auf Glaubens- und Gewissensfreiheit anmahnten.

Strategische Weichenstellung für den Schulzwang

Wie so häufig bei strategischen Weichenstellungen, ward ein Wort aus Karlsruhe wegweisend. Vor zehn Jahren verquickte das Verfassungsgericht in einem zweifelhaften Erlaß die „Vermeidung von Parallelgesellschaften“ mit absoluter Schulpflicht. Zahllose Medienschaffende machten sich den Kurzschluß zu eigen, Schulzwang schütze “die Allgemeinheit” vor “weltanschaulich motivierten Parallelgesellschaften”. Das „gewagte Manöver“ (die Juristin A. Wallrabenstein) inspirierte Legionen von Politikern und Bürokraten, enthielt es doch die rhetorische Munition für ihren Umgang mit Hausunterricht. Jüngstes Gewächs aus dieser Saat ist Sylvia Schills Äußerung gegenüber einer arabischen Internetzeitung: Schule, so die Sprecherin der Kultusministerkonferenz, sei notwen­dig, um „einen friedlichen Dialog zwischen unterschiedlichen Ansichten, Werten, Religionen und Weltanschauungen zu gewährleisten“. Schill war auf die Drangsalierung von Hausunterrichtern in Deutschland angesprochen worden.

Im Gegensatz zu den blutleeren Thesen der Sozialingenieure zeigt die ethno-kulturelle Wirklichkeit klare Grenzen des Gleichrichters Schule auf. Diverse Brandbriefe aus diversen Brennpunkten diverser Groß­städte sprechen eine deutliche Sprache: Schule taugt nicht als Integrationsanstalt der Nation. Auch ein Mehr an Schule, wie das Ganztagskonzept es anstrebt, wird daran nichts ändern. Täglicher Schulgang („friedlicher Dialog“) hat nicht die Qualität eines Granulats, mit dem ethnisch-religiöse Bruchlinien sich rundschleifen lassen – diese Zwangsgemeinschaft wirkt eher als Kontrastmittel, das Konfliktpotentiale schonungslos aufdeckt. Wie lange wird das zweckorientierte Schönreden sich aufrechterhalten lassen?

Fortsetzung: „Heucheln und Bevormunden“

1 comment for “Integration ohne Sinn und Verstand

  1. Homeschool Dad
    23. März 2013 at 15:55

    Als deutsch-Geborener und nun seit über 25 Jahren in den USA wohnender Homeschool Dad habe ich das Argument von Deutschen gehört, daß die Einführung der Bildungsfreiheit (Homeschooling) es Ausländern einfach machen würde, ihre Kinder zuhause zu behalten. Jeglichem Staatseinfluß entzogen, würden diese dann nicht in die deutsche Gesellschaft integriert und dadurch eine Schattengesellschaft aufbauen. In den USA kommt das Argument von Homeschoolgegnern in der Form vor, daß Eltern, die ihre Kinder vernachlässigen, sie dann bequem aus der Schule entfernen könnten, womit dann die Möglichkeit nicht mehr besteht, Kindesmißhandlungen zu entdecken. … Dieser Artikel hilft mir, mit Deutschen, die hier zu Besuch sind, das Thema besser zu diskutieren.

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