Mullahs in Teheran – und Berlin

Wiederholt rügte die internationale Gemeinschaft, der deutsche Umgang mit häuslicher Bildung verletze Eltern- und Menschenrechte. Doch die hiesige Funktionselite hält unverdrossen an der Praxis fest, Hausunterricht zu kriminalisieren.

Menschenrechtsverletzungen – eine Option nicht mehr nur für „Schurken-Staaten“.

Gleich zwei Mal in diesem Jahr kam den Vereinten Nationen zu Ohren, Deutschland müsse in menschenrechtlicher Hinsicht nachsitzen – wegen seines strafbewehrten Schulmonopols.

Ende April war es Erzbischof Francis A. Chullikat, der als Vertreter des Papstes vor der UNO das Recht von Eltern einklagte, ihre eigenen Kinder zu Hause zu unterrichten. Anfang Oktober dann prangerte eine Wiener Menschenrechtsorganisation Deutschland vor der UNO an – dabei rangierte der absolute Schulhauszwang an erster Stelle.

Und die Adressaten des Vorwurfs? Schweigen im Walde. Als vor fünf Jahren der Rechtsanwalt und Pädagoge Vernor Munoz als UN-Sonderbeauftragter forderte, die Schulbesuchs- hin zu einer Bildungspflicht zu lockern, lächelte das deutsche Polit-Esta­blishment nur müde. In Berlin verwies man auf die „besondere deutsche Lage“ und fertigte die internationale Gemeinschaft damit ab, man solle sich nicht in Angelegenheiten einmischen, von denen man nichts verstehe.

Kritik einfach ignorieren

Kaum anders war es 2009 beim Urteil eines amerikanischer Richters. Der hatte einer schwäbischen Familie Asyl zugesprochen, weil ihre Sicherheit in Deutschland nicht gewährleistet sei, wegen ihres Hausunterrichts. Nur Stirnrunzeln und Erklärungsnöte waren das Ergebnis. Man erläuterte die Feinheiten der Schulpflicht und erklärte Länder, die Homeschooling gestatten, zu pädagogischen Unholden. Am deutschen Schulwesen soll die Welt genesen …

Dazu gehört: ohne Wenn und Aber müssen Grundrechte der Schulpflicht weichen. Kinder bei Strafe in ein Schulgebäude zu zwingen, ist – angeblich – überlebenswichtig für unser Land. Da darf es keine Ausnahme geben, Gesetz ist Gesetz. Kaltschnäuziger kann Herrschersicht nicht sein – nimmt man die Perspektive der so Beherrschten ein, ergibt sich anderes. Dazu ein Beispiel:

In den vergangen Monaten gaben deutsche Politiker sich parteiübergreifend betroffen vom Todesurteil gegen einen iranischen Pastor. Den hatte ein Revolutionsgericht nach dort herrschendem Recht dem Henker übergeben. Drei Jahre harrte Youcef Nardakhani in der Hinrichtungszelle aus, bis die Oberen sich erweichen ließ. Neben Menschenrechtsorganisationen hatten auch Volker Kauder und Angela Merkel sich für den Teheraner Christen starkgemacht.

Deutsche Mullahs des Schulzwangs

Was so gut wie nicht nach außen drang: 2009 war Nardakhani erneut verhaftet und schließlich zum Tode verurteilt worden, weil er gegen ein neues Gesetz protestiert hatte. Dieses betraf Schule: Es zwingt alle Schüler, aus dem Koran zu lesen. So etwas widersprach des Pastors Erziehungsvorstellungen. Da war der Konflikt mit der iranischen Staatsreligion vorprogrammiert, Gefängnis und Todesbedrohung das Resultat. Dennoch: Nardakhanis Gewissen ließ es ihm nicht zu.

Internationaler Einsatz für den Pastor konfrontierte die Mullahs in Teheran mit gänzlich Neuem: Staatliches Selbstverständnis allein reicht nicht aus. Wird es um den Preis durchgesetzt, Menschen das Leben zu rauben, meldet höherrangiges Recht sich zu Wort. Wie lange werden deutsche Mullahs des Schulzwangs solch höheres Recht ignorieren? So lange, wie alle die Kollateralschäden ihrer Bildungspolitik verdrängen: Durch staatliche Praxis entrechtete, gedemütigte, finanziell und psychisch aufgeriebene und ausgetriebene Familien – ganz zu schweigen von Generationen zerstörter Bildungsbiografien.

1 comment for “Mullahs in Teheran – und Berlin

  1. Ernst Schrödl
    23. Oktober 2012 at 17:46

    Dieser Artikel über Mullahs in Teheran und Berlin ist schockierend und deprimierend, wie man hierzulande mit Recht und Gerechtigkeit umgeht, wenn es sich um Homeschooling handelt. Sicher kein guter Eindruck, den die Teilnehmer an der „Global Home Education Conference 2012“, die Anfang November in Berlin stattfindet, mit nach Hause nehmen.

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