Offener Brief an Volker Kauder

Volker Kauders gleichzeitigen Einsatz für verfolgte Christen in aller Welt und für Schulzwang in Deutschland nahm Jörg Großelümern, Vorsitzender des „Netzwerks Bildungsfreiheit„, zum Anlaß, dem CDU-Politiker einen Offenen Brief zu schreiben.

Sehr geehrter Herr Kauder,

ich beziehe mich auf einen Brief, den Sie am 19.9.2012 an einen Aktivisten aus der Homeschoolbewegung als Antwort auf dessen E-Mail geschrieben haben. Ein ähnlich lautender Brief von Ihnen ging schon einmal an Herrn Stücher, den Leiter der Philadelphia Schule in Siegen.

Sie beziehen zwar erfreulicherweise klar Stellung, wenn Christen in anderen Ländern Verfolgung erleiden, und nennen dies auch beim Namen. Dies ehrt Sie. Nur – diese Fälle von Verfolgung sind meist weit weg von Deutschland. Wenn es um das eigene Land, man könnte auch sagen, wenn es um das Zeigen echter Nächstenliebe geht, schieben Sie plötzlich schnell die Gerichte und die deutsche Gesetzgebung vor.

Ja, glauben Sie denn, die Christen, die sich aus tiefster Glaubensüberzeugung für das Homeschooling entschieden haben, kämen nur deshalb nicht in einen inneren Gewissenskonflikt mit den deutschen Gesetzen, weil das Bundesverfassungsgericht am grünen Tisch festgestellt hat, dass ausnahmslose Schulpflicht zumutbar sei? Kann ein Richter oder ein Gremium von acht Richtern über das Gewissen eines anderen Menschen urteilen, den er nicht einmal persönlich kennt? Kann überhaupt ein anderer über das Gewissen eines Menschen zu Gericht sitzen und urteilen, was für jenen zumutbar ist, und was nicht?

Glauben Sie etwa, dass die Gerichte in den Ländern, wo Sie Christenverfolgung zu Recht anprangern, nicht längst auch schon über die Verfolgten geurteilt und festgestellt haben, dass diese im Unrecht seien. Meinen Sie etwa, die Christen, die in Nordkorea im Lager sitzen, oder in den Gefängnissen von Usbekistan oder Turkmenistan schmachten, hätten kein Gerichtsverfahren hinter sich, wo ihre Schuld nach den Gesetzen des Landes eindeutig festgestellt worden ist? Spricht man die politisch Verantwortlichen in jenen Ländern daraufhin an, werden diese eine ähnliche Meinung wie Sie, Herr Kauder, vertreten.

Im Kern läuft Ihre Replik darauf hinaus, dass die Christen bzw. Homeschooler in unserem Land keine Verfolgung hätten, wenn sie sich an die Gesetze des Landes hielten. Das Gleiche könnten Sie dann aber mit Fug und Recht auch von denen sagen, für die Sie, Herr Kauder, sich in anderen Ländern einsetzen. Es ist doch immer so: Fast jeder, der aus Glaubens- und Gewissensgründen verfolgt wird, verstößt in irgendeiner Weise gegen die Gesetze seines Landes. Haben nicht auch Sie schon einmal in Erwägung gezogen, dass diese Gesetze Unrechtsgesetze sein könnten? Bei Staaten wie Nordkorea, Iran, etc. würden Sie mir sicher auch zustimmen, nur wenn es um das eigene Land geht, verschließt man die Augen und wird betriebsblind. Warum dieses Messen mit zweierlei Maß?

Sicher ist eine Bildungspflicht, die die Eltern verpflichtet, ihren Kindern eine adäquate Bildung zukommen zu lassen, richtig und wichtig. Ein eindeutiges Unrecht aber ist es, sie zu zwingen, dies auf nur eine Art und Weise zu tun, und die Präsenz in einem Schulgebäude als alleinseligmachendes, unantastbares Dogma für den Bildungserwerb zu postulieren. Entscheidend sind doch die Ergebnisse, die dabei herauskommen, nicht der Weg wie dies erreicht wird.

Gibt es denn in Österreich “eine Zunahme von Parallelgesellschaften” (Ihr Schreiben) aufgrund von Homeschooling, nur weil das österreichische Schulgesetz feststellt, dass die Schulpflicht auch durch den häuslichen Unterricht erfüllt werden kann? Wo sind die Parallelgesellschaften in Großbritannien, Frankreich, Dänemark, Finnland oder den USA aufgrund von Homeschooling? Dort ist diese Form des Lernens eine ganz normale, anerkannte Bildungsalternative, über die sich kein Politiker aufregt.

Die wahren Parallelgesellschaften gibt es bei uns längst, und zwar trotz rigider Schulpflicht. Schauen Sie nur nach Berlin-Neukölln und hören Sie sich an, was der dortige Bezirksbürgermeister Buschkowsky dazu zu sagen hat. Parallelgesellschaften entstehen nirgendwo durch Homeschooling, und Sie verhindern diese auch nicht durch ein Verbot dieser Bildungsform. Sie würden aber vielen Eltern und auch Kindern, die zu Hause lernen möchten, das Leben erleichtern. Ich bekomme jede Woche Anfragen von Eltern, die sich aus den verschiedensten Gründen händeringend nach Alternativen zum deutschen Schulsystem erkundigen und gerne den schulfreien Weg der Bildung in der Familie wählen würden, wenn es denn möglich wäre.

Sich nur auf ein paar Sätze des Bundesverfassungsgerichts zurückzuziehen und es dann dabei zu belassen, ist ein bisschen wenig, Herr Kauder, und wird dem Anliegen in keiner Weise gerecht. Das Gericht urteilt ja auch nur wegen der politischen Rahmenbedingungen auf diese Weise. Die Schulgesetze sind keine für die Ewigkeit in Stein gemeißelte Monolithen, sondern wären bei entsprechend politischem Willen auch zu ändern oder zumindest zu modifizieren. Dafür müsste man aber endlich ein paar liebgewonnene Vorurteile und unbewiesene Behauptungen fallen lassen und sich den Fakten stellen. Ob die Politik dazu den Mut hat? Ich wünschte es mir sehr, und mit mir viele tausend Eltern in unserem Land, die an dieser Politik langsam verzweifeln.

Ihrer Lektüre empfehle ich außerdem den Kommentar “Guter Mensch von Berlin” http://derblauebrief.net/guter-mensch-von-berlin/, der sich auf Ihre Ausführungen bezieht.

Mit freundlichen Grüßen

Jörg Großelümern (22. September 2012)

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