Kuscheln – statt Lernen

Anschauungsunterricht zum Un-Sinn der Schulpflicht –

Eine neue Publikation widerspricht dem Zwang, sich regelmäßig in einem Schulgebäude aufzuhalten. Denn die dort betriebene Vergemeinschaftung wird nur noch sekundär zu Bildungszwecken genutzt.

 

In einem klugen Aufsatz bezweifelt die Pädagogin, Psychologin und Mehrfach-Mutter Margarete Gebhardt, ob heutige Schulwirklichkeit noch der bewußten Vermittlung von Wissen, Fertigkeiten und Fähigkeiten dient. Ihr Bändchen „Schafft sich die ‚Schule‘ selbst ab? Überlegungen zum Thema ‚Moderne Unterrichtsmethoden'“ ist eine Kritik an der schädlichen Überbetonung des „Sozialen“ im modernen Schulbetrieb.

Beim Do-it-yourself-„Unterricht“ bleibt außen vor, daß jungen Menschen Kenntnisse und Wissen weitergegeben werden sollen. Einem Bildungsauftrag wird Schule so nicht gerecht – zum großen Leidwesen derjenigen, die etwas lernen wollen.

„Freier Unterricht“ heißt der letzte pädagogische Schrei, der Lehranwärtern an pädagogischen Fachhochschulen und Lehrern in Fortbildungsveranstaltungen eingetrichtert wird. Staatliches Personal zieht sich aus der aktiven Stoffvermittlung zurück – und läßt die ihm anvertrauten Zöglinge „selber machen“. Von der Grund- bis zur Berufsschule: Kaum ein staatliches Lerngebäude, an dem nicht die Schüler den Lehrladen schmeißen.

Schulen als „ganztägige Betreuungseinrichtungen“

Zur Veranschaulichung ihrer Überlegungen zieht Gebhardt Fallbeispiele von Schülern heran, die unter der Lehrverweigerung von Lehrern und einem bildungsfeindlichen Klassenklima leiden. Lieber gestern als heute hätten sie der Kollektivverwahrung ohne Sinn und Verstand den Rücken gekehrt.

Aber bei uns „herrscht Schulpflicht“ – ein Umstand, der nach Gebhardt keine sachliche Berechtigung mehr hat. Denn zügelloses „Laissez-faire“ – als Ersatz für die Vermittlung fachlich korrekter Inhalte – dürfe niemandem aufgezwungen werden.

Die Schülerbeispiele, die Gebhardt zur Untermauerung ihrer ursprünglichen Frage heranzieht, kommen aus der bildungsambitionierten Ecke. Stets sind verständnisvolle Eltern im Hintergrund, die ihren Kindern den Rücken stärken und sie notfalls gar ganz aus der Schule herausnehmen. Leidvolle, aber nicht hoffnungslose Fälle – trotz einer geschilderten Schulbürokratie mit der Dialogfähigkeit sowjetischer Apparatschiks.

Am anderen Ende der Skala gibt es die, die durch die zerrüttende Wirkung des soziallastigen Schulbetriebs aller Zukunftschancen beraubt werden: ohne bildungsbewußtes oder wertestarkes Elternhaus sind sie dem Wohl und Wehe einer gewissenlosen Schulapparatur hilflos ausgeliefert. Von ihnen ist hier keine Rede. Aber auch sie erleben die Schadenswirkung eines Schulzwangs, der zum Hebel für ideologische Experimente verkommen ist.

Mißbrauch wertvollster Lebenszeit junger Menschen

Gebhardt hat dankenswerterweise eine brennende Frage aufgegriffen, auch ein paar Problempunkte verdichtet. Doch das Selbstzerstörerische einer kindischen Kuschelecke mit eingebauter Lernbehinderung ist kaum eingeführt – da bricht die Lektüre leider auch schon wieder ab.

In einer knappen Stunde gelesen, hinterläßt das Buch einen unbefriedigenden Nachgeschmack. Nicht nur wegen des anwidernden Themas „moderne Unterrichtsmethoden“, das leidgeprüfte Eltern – und Schüler – regelmäßig auf die Palme bringt. Nicht nur, weil vor den dargelegten Auswüchsen schon vor Jahren, wenn nicht gar Jahrzehnten, minutiös gewarnt worden ist – und mancher heute überrascht so tut, als sei man mit etwas völlig Neuem konfrontiert.

Die Verfasserin bleibt im Ansatz stecken, ein Eindruck von Vergeblichkeit macht sich breit. Daß der strafbewehrte Schul-Wahnsinn Methode haben könnte, kommt gar nicht erst zur Sprache. Es ist, wie wenn man einen Dieb – auf frischer Tat ertappt – am Kragen packt. Aber dann nach halbherzigem Schütteln und „Du, du!“-Schimpfen wieder laufenläßt.

Dabei geht es um nichts weniger als schweren Mißbrauch wertvollster Lebenszeit junger Menschen. Und zwar vermittels einer gesetzlichen Regelung, die schon längst genauer geprüft werden müßte. Daß auch weiterhin mit der Gummifloskel des so gewichtigen „Sozialen“ der Öffentlichkeit Sand in die Augen gestreut und die „Alternativlosigkeit“ des Schulzwangs beschworen wird, hätte mutiger und gezielter herausgearbeitet werden können. Schade um die vertane Chance.

1 comment for “Kuscheln – statt Lernen

  1. Ernst Schrödl
    11. August 2012 at 20:19

    Auf dem Titelbild „Schafft sich die Schule selbst ab?“ von Margarete Gebhardt sehen wir einen Stuhl. Der oberflächliche Betrachter denkt sich nichts dabei. Aber gerade das ist der entscheidende Fehler. Warum? Das Gestühl in vielen Klassenzimmern ist gesundheitsgefährdend, teilweise sogar massiv gesundheitsgefährdend. Ich frage: Wo sind die Eltern, die das interessiert, daß ihre Kinder nach zehn Jahren Schulbesuch Krankheitsbilder (z.B. Rückgratverkrümmungen etc.) aufweisen, unter denen sie dann bis an ihr Lebensende leiden. Ich bin kein Arzt, um all die schädlichen Folgen aufzuzählen, die ein falsches, schlechtes oder abgenütztes Gestühl nach sich ziehen. Ich stelle mit größtem Entsetzen fest, dass sich die Eltern (und dieses Pauschalurteil ist hier durchaus am Platze), unglaublich unverantwortlich verhalten, was die Gesundheit ihrer Kinder in diesem Punkte anbetrifft. Mit einer himmelschreienden Naivität vertrauen sie in dieser Sache dem Staat. Und wer muß es ausbaden? Die Kinder. Man fragt sich: Wo sind die mündigen Eltern? Wo sind die mündigen Bürger?

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