Schul-Emigration aus der Bildungsdiktatur

Gelungene Schulflucht – mitten in Deutschland

Der bereits Anfang des Jahres erschienene autobiografische Roman über eine geglückte „Schulflucht“ in Deutschland findet das Interesse auch der überregionalen Presse. In einem Interview mit der Verfasserin will die linksalternative Tageszeitung „taz“ wissen, warum Liv Hayms Familie der Schule den Rücken kehrte.

Lernen in Freiheit wird in den Medien meist als inkompatibel mit deutschen Verhältnissen verworfen. In der „taz“ erläutert die Buchautorin, wieso ihre Tochter nicht kompatibel mit dem System Schule gewesen sei. Klara, die Protagonistin des Romans, musisch sehr begabt und eifrige Selbst-Lernerin, nahmen die Eltern in der siebten Klasse von der Schule. Den Schulbehörden blieb das bis zuletzt verborgen.

Haym beschreibt, wie an einer Schule kein Platz ist für ein Kind, das nicht nur andere Interessen verfolgt, sondern an Bildung selbständiger und idealistischer herangeht, als das von der Schule vorgeschriebene Maß es zuläßt. Doch der „gesetzlich verordnete Schulzwang“ läßt keine Ausnahme zu, insofern blieb heimlicher Hausunterricht als einzige Option übrig.

Für ihr Anderssein und ihren Lerndrang von Lehrern und dem Kollektiv abgelehnt und sogar gemobbt, bereitet Klara sich heute auf den Beruf als Pianistin vor. In „Schulflucht“ läßt sie den Leser durch Tagebucheinträge an den Nöten teilnehmen, in die ein heranwachsender Mensch gerät, wenn ihm ein selbstbestimmtes Lernen versagt wird. Haym erklärt, daß Kinder an Schulen gesagt bekämen, „du hast nur so zu lernen und nicht anders.“ Sie entwickelten auf diese Weise „ein Angestelltenverhalten: Sie tun das, was sie müssen und nicht mehr.“

Es ist nicht das erste Mal, daß ein Buch über Hausunterricht auf dem deutschen Markt erscheint – und Medieninteresse weckt. Aber bei André Sterns autobiografischem Werk „… und ich war nie in der Schule“ stand 2009 noch die blanke Exotik eines Lebens ohne Schule im Mittelpunkt. Jetzt hingegen versucht man zu ergründen, warum es überhaupt zur „Schulflucht“ gekommen ist. Hayms Roman handelt zu großen Teilen von dem oft mühevollen Weg des Lernens in Freiheit im hierin ganz und gar unfreien Deutschland. Trotz aller Schwierigkeiten aber zahlt sich der Mut aus, diesen Weg  zu gehen  –  vor allem für das betroffene Kind selbst. Rückblickend bereut die Mutter es höchstens, Klara nicht schon früher von der Schule genommen zu haben. Zudem hätte sie im Ausland nicht das Doppelleben führen müssen, zu dem sie in Deutschland gezwungen gewesen ist.

Um ihre Familie vor der Öffentlichkeit zu schützen – von der Schulbehörde droht keine Gefahr mehr -, veränderte die Verfasserin alle Namen und Orte. Diese Anonymisierung ist ein weiterer Unterschied zu André Stern. Mit der ganzen Person stand und steht der Musiker und Journalist in der Öffentlichkeit zu seinen positiven Erfahrungen mit dem Lernen in Freiheit. Doch manche Familie, die wider Willen wegen ihres Hausunterrichts ins mediale Licht gezerrt worden ist, wird Hayms Entscheidung sehr gut verstehen können.

3 Kommentar(e) für “Schul-Emigration aus der Bildungsdiktatur

  1. Rebecca
    4. Februar 2013 at 14:55

    Auch der Modeschöpfer Karl Lagerfeld hat keine öffentliche Schule besucht. Seine wohlhabenden Eltern haben ihn privat unterrichten lassen, er hat jedoch hauptsächlich nur das gelernt, worauf er Lust hatte. Er hat z. B. kein Abitur. Mit 16 hat er dann ein Schneider-Praktikum in Frankreich gemacht, der Rest ist Geschichte. Ich glaube daß unsere Schulen Mobbing-Brutstätten, Gleichschrittmacher und Kreativitätsabtöter sind. Mag sein, daß sich einige Kinder dort zurechtfinden, viele andere jedoch nicht. Ich selbst fand meine Schulzeit auch ziemlich schrecklich, was vor allem an dem Gruppendurck, der Aggressivität und dem Mobbing lag. Ich bin heute, Jahrzehnte später, noch von diesem Trauma gezeichnet. Homeschooling sollte besser gestern als heute erlaubt werden. Eine Schande, daß so viele Kinder in unserem angeblich freien Land in Schulen ein unglückliches Dasein fristen müssen.

  2. Ulf-Thomas Lesle
    22. Oktober 2012 at 06:02

    André Stern ist meines Wissens in Frankreich großgeworden. In Frankreich existiert Bildungspflicht, es herrscht kein Schulanwesenheitszwang. Daher konnte er auch gut, wie dieser Artikel es beschreibt, in der Öffentlichkeit mit seiner ganzen Person und seinem wahren Namen für seinen positiven freien Bildungsweg einstehen.

  3. Ernst Schrödl
    12. Juli 2012 at 20:24

    Eine geglückte Schulflucht fand in Deutschland – man möchte es kaum glauben – bereits vor etwa 250 Jahren statt. Lernen in Freiheit war damals, wie man heute im Nachhinein feststellen kann, möglich. Es handelt sich dabei um keinen Geringeren als um Johann Wolfgang von Goethe. Der Vater unseres großen Dichters nahm seinen Filius nach zwei Jahren aus einer öffentlichen Schule heraus, unterrichtete ihn zuerst selbst und verpflichtete dann einen Hauslehrer. Was wäre wohl aus Johann Wolfgang geworden, wenn er ein Schulsystem wie das unsrige durchlaufen hätte? Ein willfähriger Handlanger der staatlich verordneten Ideologie, der freiheitsliebende Menschen in den Kerker wirft? Wir wissen es nicht. Was wir wissen ist: Der Staat legte sich damals nicht quer. Offensichtlich achtete man in jener Zeit noch die Rechte der Eltern und Kinder.

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