Sorgerecht darf nicht entzogen werden

Die schwedisch-indischen Eltern von Dominik Johansson (10) könnten in absehbarer Zeit wieder mit ihrem von der Polizei entführten Sohn vereint sein. Zum ersten Mal in dem schmutzigen Behörden-Drama um die Bekämpfung von Hausunterricht in Schweden gibt es einen Lichtblick.

Anfang Juni räumte ein Amtsgericht in Gotland ein, daß Christer und Annie Johansson das Sorgerecht für Dominik nicht entzogen werden dürfe. Genau das haben jedoch Jugendamt und Justiz – bis hin zum höchsten schwedischen Verwaltungsgericht – drei Jahre lang versucht. Stets haben staatliche Stellen darauf bestanden, es sei rechtens gewesen, den Jungen den Eltern zu entreißen.

Doch trotz staatlich verfügter Geheimhaltung sickerte bald durch, daß die Aktion am 26. Juni 2009 alles andere als legal war. Damals war der siebenjährige Knabe ein paar Minuten vor dem Abflug der ganzen Familie nach Indien von Polizisten entführt worden – ohne richterliche Verfügung, aber aufgrund eindeutiger behördlicher Anweisung. Was aber wird den Eltern zur Last gelegt, weswegen der schwedische Staat derartige Geschütze gegen die harmlose Kleinfamilie auffährt?

Fadenscheinige Begründungen staatlicher Stellen

Zunächst hieß es aus dem gotländischen Jugendamt, der Junge sei in der Obhut seiner Eltern „gefährdet“ gewesen. Man habe bei ihm Karies festgestellt, zudem habe er empfohlene Impfungen vermissen lassen. Zudem sei er schüchtern – und dann wiederum zu direkt. Weitere „Probleme“ wurden bald nachgeliefert: Die Johanssons hätten nicht genug Möbel. Überdies sei der Vater drogenabhängig und geistesgestört. Zwar widerspricht dieser Behauptung ein klinisches Gutachten ganz eindeutig. Dennoch beharrt das Jugendamt darauf, Christer habe ein „Persönlichkeitsdefizit“.

Tatsache ist jedoch, daß den schwedischen Stellen der Rückzug der Familie aus dem staatlichen Bildungssystem ein Dorn im Auge war. Der Vater, autochthoner Schwede, und die Mutter, gebürtige Inderin, hatten in deren Heimat zurückkehren wollen. Daher holten sie beim Bildungsministerium die Erlaubnis ein, durch Hausunterricht den Übergang für Dominik von einem zum anderen Bildungssystem „abfedern“ zu können.

Was ihnen nicht bewußt war: Zur selben Zeit liefen politisch-gesetzliche Bestrebungen in dem nordischen Land auf Hochtouren, jeglichen Unterricht außerhalb von Staatsschulmauern zu verbieten. Während Johanssons sich im Recht wähnten – tatsächlich war in Schweden Hausunterricht bis zum Jahr 2010 ganz legal -, wollten einige staatliche Stellen im vorauseilenden Gehorsam ein Exempel setzen. Was für den Staat Mittel zum Zweck sein kann, wurde für die bis dahin harmonische und idealistische Familie ein schrecklicher Alptraum – nun immerhin schon drei Jahre lang.

Soll der familiäre Alptraum Nachahmer abschrecken?

Der Fall ähnelt seinem Wesen nach durchaus dem Fall „Busekros“ (2007), aber auch dem Fall „Gorber“ (2009) in Deutschland – und sicherlich noch unzähligen anderen, namenlosen, die es zu weniger Bekanntheit im Weltnetz schafften: Ein hyperaktives Jugendamt beschließt und führt mit Polizeigewalt durch, wozu es nicht wirklich legitimiert ist. Rückendeckung liefert ein oberflächlich arbeitendes Familiengericht, das sich eher ideologischen Leitlinien als der Wahrheitssuche verpflichtet weiß. Mit dem Ergebnis, Kinder und Eltern intakter Familien auseinanderzureißen, da sie durch ein bestimmtes Verhalten „aufgefallen“ sind – in obigen Fällen war das stets Hausunterricht.

Die Botschaft lautet anscheinend: Mit dem „Recht“ des Staates an „seinen“ Kindern sollte man sich besser nicht anlegen. Denn zur Not gehen Ämter für dieses angemaßte Un-Recht mit roher Gewalt vor. Dann gelingt es selbst hochkarätigen Anwälten – trotz anteilnehmender internationaler Öffentlichkeit – nur mit Mühe und allen Regeln juristischer Kunst, eine familiäre Wiedervereinigung durchzusetzen. Aber der furchtbare seelische, emotionale und gar körperliche Schaden, bewirkt durch staatliches „Straf-Begehren“ und entsprechende Realitätsverweigerung, läßt sich selten noch reparieren. Für die verantwortlichen Stellen hingegen haben derartige Eskapaden kaum mehr Gewicht als ein Kavaliersdelikt. Solange diese menschenverachtende Asymmetrie besteht, sehen Behörden und Gerichte wenig Anlaß, derartige Schandtaten bleiben zu lassen.

2 Kommentar(e) für “Sorgerecht darf nicht entzogen werden

  1. Carol Sherman
    22. September 2012 at 18:37

    Schoene Gruesse aus den USA! Ich drucke meinen Daumen das Domenik bald mit seinen lieben Eltern zusammen ist.
    What a hero Domenik is!

  2. Geier
    21. Juli 2012 at 14:03

    Solche Fälle können nur durch öffentlichen Druck eingeschränkt werden. Deshalb ist es gut, wenn es Blogs wie den »Blauen Brief« gibt, die darüber berichten. Auch im Fall von Melissa Busekros war es wahrscheinlich der internationale Ansehensschaden, der bereits für Deutschland entstanden war, der dazu geführt hat, daß Melissa nach ihrer Flucht von den Esoterikern, bei denen das Jugendamt sie untergebracht hatte, nicht nochmals durch das Amt entführt wurde.

    Wer den Fall Busekros noch einmal nachlesen möchte, findet ihn hier und hier kommentiert.

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