Weichformeln, Ideologie und Macht

Ein unscharfer Begriff ist Hauptargument für den Schulzwang –

Um Schulzwang rechtfertigen und das „Verbot“ einer Bildungsalternative plausibel machen zu können, verfallen Staatsschulverfechter auf schillernde Begriffe. Diese besagen wenig, meinen aber vieles – je nach Standpunkt ganz Unterschiedliches.

In jedem Fall müssen Wörter her, Wörter, die Köpfe und Herzen in die richtige Richtung biegen. So wirft man Begriffe in den Ring, „Sozialisationserwerb“ und „soziale Kompetenz“, lauter Dinge, die angeblich nur der regelmäßige Schulbesuch gewährleisten könne. Großartige Weichformeln im unscharfen Rang von „Zivilisation“ oder „Demokratie“ – doch wirksam für alle, die reflexartig den Ruf nach Bildungsfreiheit bekämpfen.

Derart Klangvolles bietet Vorteile: Staatliche Vertreter und deren Claqueure in den Medien bestimmen, was die Begriffe heißen sollen. Hernach lassen sie sich wunderbar gegen Mißliebige verwenden. Oder, um den Sprachexperten Wolf Schneider zu zitieren: „Die politisch entscheidende Frage ist nicht, was ein Wort ‚wirklich‘ – und ob es überhaupt etwas – bedeutet; die Frage ist, wer die Macht hat, es zu definieren.“

Was heißt eigentlich „soziale Kompetenz“?

Der Begriff der „Sozialen Kompetenz“ findet sich nicht in den gängigen pädagogischen Fachlexika, die Worte sind unklar und unbestimmt. In einem ausführlichen Artikel über dessen Problematik erläutert der Linzer Pädagogik- und Entwicklungspsychologe Werner Stangl, warum der Begriff in der Psychologie „nie Fuß gefaßt“ hat. „Kompetenz“ – mal ist Zuständigkeit oder Berechtigung gemeint, mal Können oder Fähigkeit – verliert in Verbindung mit dem „noch schwammigeren Begriff ’sozial‘ … inhaltlich jede Kontur“.

Dagegen wird „Sozialisation“ als allgemeine Formel dafür verwendet, daß ein Mensch lernt, sich innerhalb einer bestimmten Gemeinschaft angemessen zu verhalten. Zwar versteht man „im allgemeinen … unter Sozialisation jenen Prozeß, in welchem ein Individuum die Verhaltensstandards, Werte, Überzeugungen etc. seiner sozialen Umwelt sowie die kulturellen Gehalte (kurz: Kultur) seines Lebensraumes übernimmt.“, so der Soziologe und Pädagoge Prof. Bruno Hamann. Doch gibt es auf diesem Feld ganz unterschiedliche Erkenntnisse darüber, welche Aspekte der Umwelt auf welche Weise und mit welchem Ziel erworben werden.

Sozialisationstheorien als Ausfluß von Ideologien

Diese Theorien verpassen dem allgemeinen Vorverständnis je eigenen ideologischen Drall – und produzieren einander widersprechende Aussagen. Eine einheitliche Definition oder auch nur halbwegs empirisch gestützte Theorie darüber, welche Art von Sozialisation als ‚höherwertig‘ oder gar ‚alternativlos‘ anzusehen sei, gibt es nicht. Wohl aber die Anmaßung einiger Vertreter von Sozialisationstheorien, sich zuständig zu halten für das ‚richtige‘ Menschsein.

Entsprechend deutet man dort Sozialisation als einen „technologisch mach- und steuerbaren Vorgang“ (Hamann), bei dem gesamtgesellschaftliches Interesse der Freiheit des Individuums vorgezogen wird. Wer also „Sozialisation“ als gesicherte Erkenntnis darüber verwendet, wie Menschen aufzuwachsen haben und welche politischen Maßnahmen hiervon abzuleiten sind, führt Ideologie im Schilde. Nach außen hin tut er nur so, als kümmere er sich um die Belange von Kindern und jungen Menschen. Aber tatsächlich geht es ihm um einen – verschleierten – Mehrwert.

Unehrlichkeit des Schul-„Sozialisations“-Argumentes

Interessanterweise tritt man dort offener auf, wo „soziale Kompetenz“ tatsächlich über Gewinn und Verlust, Sein oder Nichtsein entscheidet. Personalchefs von Unternehmen wissen ziemlich genau, worauf es ankommt, damit das Arbeitsklima nicht aus dem Ruder läuft. Im Blick auf Charakter und Persönlichkeit spielen bei „sozialer Kompetenz“ Eigenschaften und Fähigkeiten eine Rolle, die sich klar definieren und überprüfen lassen: „Sensibilität“ und „Kontaktfähigkeit“ gehören dazu, „Kooperationsfähigkeit“ und „Integrationsvermögen“, aber auch „Informationsbereitschaft“ und „Selbstkontrolle“. Im täglichen Miteinander gibt so etwas den Ausschlag darüber, ob der eine mit dem anderen zurechtkommt – oder nicht.

Entspricht derart definierte „Sozialisation“ einem allgemein praktikablen Verständnis, steht unseren Bildungs- und Erziehungsbevormundern eher der Sinn nach sozial-erzieherischem Besser-Menschentum. Warum sonst erheben sie die nebulöse „soziale Kompetenz“ zum einklagbaren Erziehungsziel? Wissen sie wirklich nicht, daß gelungene Sozialisation in den Familien geschieht – oder gar nicht? Doch im Brustton der Überzeugung behaupten sie wahrheitswidrig, nur außerhalb der Familie in einem vom Staat organisierten Klassenverband – das heißt in einem Kollektiv zwangsweise vereinigter Altersgenossen – lasse soziales Verhalten sich erlernen. Stinkt das nicht geradezu nach Ideologie?

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